#049 Baukulturkampf – Wer entscheidet, was schön ist?
Die gebaute Umwelt, die Ausdruck in Architektur findet, ist die einzige Kunstform, der sich niemand entziehen kann. Repetitive Fassaden, gesichtslose Neubauviertel und austauschbare Quartiere erzeugen Entfremdung, das ist kein reaktionäres Gefühl, sondern ein belegtes psychologisches Phänomen. Gruppen wie Architektur-Rebellion Berlin oder Architecture Uprising bündeln diese Unzufriedenheit sozialmedial über den Architekturdiskurs hinaus und treffen damit einen echten Nerv.
Angebotene Lösungen verbleiben dabei oft in rückwärtsgewandten Idealisierungen: Historisierende Architektur wird zur Heilsformel erklärt, und ein komplexes gesellschaftliches wie ökonomisches Problem, Renditedruck, Normendschungel, Kostendruck, fehlende Baukulturfinanzierung, schrumpft auf eine Stilfrage zusammen. Das ist politisch bequem und greift zu kurz.
Die Debatte um den DAM Preis 2026 hat diesen Streit, der auch innerhalb der Architektur geführt wird, wieder nach oben gespült. Um den Diskurs einzuordnen und die Bandbreite der Themen aufzuzeigen, sprechen wir mit drei Journalist:innen, die die Debatte aus sehr verschiedenen Positionen lesen: Matthias Alexander (FAZ-Feuilleton), Christian Holl (Marlowes) und Marietta Schwarz (Deutschlandfunk).
Du hast Gedanken zu diesem oder einem anderen Thema, von dem wir wissen sollten? Wir freuen uns über Feedback und Sprachnachrichten per E-Mail an hello@kontextur.info oder via DM an @kntxtr. Bitte unterstützt unsere Arbeit via Steady: https://steadyhq.com/de/kontextur/about
QUELLEN UND WEITERFÜHRENDE HINWEISE
DAM Preis 2026 und Debatte über Architekturpreise
- Matthias Alexander: „Sehen so - Aufzählungs-Textetwa die besten Bauten in ganz Deutschland aus?“ — FAZ, 04.02.2026. Kritik an der Auswahl des DAM Preis 2026; der Text liest die ausgezeichneten Bauten als Ausdruck einer ästhetisch und ideologisch verengten Debatte.
- Rico Bandle: „Hässlich gilt als gut – Schönheit ist in der Architektur schon lange kein Kriterium mehr“ — NZZ, 17.02.2026. Polemische Replik auf den DAM Preis 2026, die Schönheit wieder als zentrales Kriterium der Architektur einfordert.
- Elias Baumgarten: „Die dritte Umdrehung“ — Swiss Architects, 27.02.2026. Verteidigt den Wandel zu ressourcenschonender, rauerer Architektur und ordnet den DAM Preis 2026 als Zeichen eines Paradigmenwechsels ein.
- Stefan Forster / Elias Baumgarten: „Ich sehe keinen Grund, warum wir eine neue Architektursprache erfinden sollten“ — Swiss Architects, 2026. Interview über Kontext, Maßstäblichkeit und die Frage, ob Architektur wirklich immer neu sein muss.
- Ursula Baus: „Werte, Wandel und Vernunft“ — Marlowes, 16.03.2026. Einordnung der DAM-Debatte als Wertekonflikt zwischen Schönheit, Nachhaltigkeit und fachlicher Vernunft.
- Axel Simon: „Zu wahr, um schön zu sein?“ — Hochparterre, 22.02.2026. Gegenrede zur NZZ und Plädoyer dafür, klimagerechte und soziale Architektur nicht mit „Hässlichkeit“ gleichzusetzen.
- Friederike Meyer: „Im Dickicht der Lorbeeren. Zur Debatte um Architekturpreise“ — BauNetz, 19.02.2026. Kritische Analyse von Architekturpreisen und ihrer Wirkung auf Kanon, Diskurs und Karrieren.
- Preis des Deutschen Architekturmuseums: welche Tendenz? — FeuilletonFrankfurt, 27.04.2026. Überblick zur Debatte um den DAM Preis 2026 zwischen Kritik, Verteidigung und architekturpolitischer Einordnung.
- Preis des Deutschen Architekturmuseums: Tendenz zum … — taz, 07.05.2026. Fokus auf soziale Qualität und die Frage, wie „soziales Bauen“ jenseits von Mängelverwaltung aussehen kann.
Architektur, Ästhetik und Ideologie
- Sind Altbauten objektiv schöner? — 3sat nano, 2026. TV-Beitrag über die Frage, ob Schönheit in der Architektur objektiv ist oder kulturell gelernt wird.
- Stephan Trüby: „Es gibt keine per se rechte oder linke Architektur“ — ZEIT, 2019. Architektur wird nicht automatisch politisch eindeutig, sondern erst durch Nutzung, Kontext und Deutung.
- Juliane Rebentisch: Die Kunst der Freiheit. Zur Dialektik demokratischer Existenz — Suhrkamp, 2012. Philosophische Perspektive auf demokratische Freiheit als kulturelle Praxis.
- Jan-Werner Müller: Straße, Platz, Palast. Zur Architektur demokratischer Räume — Suhrkamp, 2024. Über die politische Bedeutung öffentlicher Räume und demokratischer Architektur.
- Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums — 2026. Analyse schrumpfender Handlungsspielräume durch Bürokratie, Algorithmen und Parametrisierung.
Architekturdiskurs, Sprache und Öffentlichkeit
- Sydney Shilling: „Language Barrier: Rethinking How We Talk About Architecture“ — Azure, 21.08.2024. Essay über die Sprachbarrieren zwischen Architektur, Kritik und Öffentlichkeit.
- David Kasparek: „Bullshit-Architektur“ — Marlowes, 2026. Kritik an leeren Architekturfloskeln und unklaren Qualitätsbegriffen.
- An jeder Ecke Eckkonflikte — Marlowes, 2026. Über Konflikte im Stadtraum und die politische Bedeutung von Details.
- Christian Holl: „Der Preiswert“ — Marlowes, 2026. Reflexion über Preis, Wert und architektonische Qualität.
Podcasts/Audio Features
- Marietta Schwarz: „Bauen in Deutschland. Verloren zwischen Normen und Richtlinien“ — Deutschlandfunk Kultur, 23.03.2026. Über Normen, Richtlinien und die Komplexität des Bauens in Deutschland.
- Peter Zumthor bei „Hotel Matze“: „Über Kompromisslosigkeit, Schönheit und den Tod“ — YouTube, 23.05.2026. Gespräch über Haltung, Schönheit, Kompromisslosigkeit und Architektur als Lebenspraxis.
Der kntxtr Podcast ist eine Produktion von und mit Katharina Benjamin und Angelika Hinterbrandner. Schnitt: Isabell Woop Cover-Foto: Peter Oliver Wolff Cover-Design: Patrick Martin Intro Music Track: Equilibrium / Max Maikon [Audio Library Release] Music provided by Audio Library Plus
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